Die Stadt Tharandt und die Entstehung der Silvania

Geschichte der Stadt Tharandt und der Universität

Die Geschichte der Stadt Tharandt ist eng mit der Geschichte der Tharandter Burg verbunden. Diese wurde wahrscheinlich als Grenzfeste gegen Böhmen errichtet und das erste Mal am 21.01.1216 in einer Urkunde des Meißner Markgrafen Heinrich mit ihrem Hauptmann Boriwo de Tharant erwähnt. Am Ende des 15.Jh. diente sie der Witwe des Markgrafen Albrecht des Beherzten Zedena (Sidonie) als Wohnsitz. 1562 wurde sie durch Blitzschlag zerstört und wenige Jahre später zur Bausteingewinnung freigegeben. Die 162629 errichtete Kirche, das Jagdschloß Grillenburg und sicher auch einige Tharandter Häuser bestehen aus ihren Steinen.

Unterhalb der Burg, im Schloizbachtal, bildete sich schnell ein Marktflecken mit dem Namen Granaten (daher der Granatapfel im Tharandter Stadtwappen). Nach Anwachsen der Gemeinde auf über 500 Einwohner, einer eigenen Schule und Pfarre erhielt die Ansiedlung 1609 das Stadtrecht als „Granaten unterm Schloß Tarand".

Im ausgehenden 18. und beginnenden 19.Jh. veränderte sich viel in Tharandt. 1793 wurde vom Amts-Chirurgen Butter die heilkräftige Sidonien-Quelle entdeckt und ein Kurbad errichtet. 1811 kam Heinrich Cotta nach Tharandt und begann, Forstwissenschaften zu lehren. 1812 wurde die Straße von Dresden über Potschappel, Deuben und Hainsberg nach Tharandt gebaut, was die Anbindung an Dresden deutlich verstärkte. Seitdem war Tharandt eine gepflegte Kleinstadt mit großer Beliebtheit in Dresden als Ausflugs- und Kurort. Tharandt war aber nicht nur bei den Dresdnern, sondern auch bei deren Gästen beliebt. So weilten unter vielen anderen Größen ihrer Zeit auch H. v. Kleist, C. D. Friedrich, L. A. Richter, C. W. Arldt und F. Schiller hier.

1855 wurde die Eisenbahnstrecke von Dresden nach Tharandt („Albert-Bahn") und 1860 die Weiterführung nach Freiberg vollendet. Die verkehrstechnische Entwicklung erforderte es, schon 1910 den Bahnhof in seiner heutigen Größe zu errichten

Das Städtchen wuchs immer stärker, so daß hier um 1900 mit ca. 3.000 die meisten Einwohner in seiner Geschichte lebten. Gleichzeitig gab es auch 24 Gastwirtschaften in der näheren Umgebung, davon 21 direkt in Tharandt

Eine große Gefahr blieb aber immer für Tharandt, das in vielen Jahrhunderten durch alle Kriege fast zerstörungsfrei kam: Das Hochwasser. Das letzte verheerende war im Jahre 1958, als der Schloizbach bis zu 3 m über seinen Pegel trat.

Die Basis für ein Verbindungsleben in Tharandt wurde im Jahre 1811 gelegt, als der Thüringer Heinrich Cotta dem Ruf des sächsischen Königs folgte, die Staatswälder zu taxieren, das heißt, eine Art Waldinventur durchzuführen. Cotta hatte zu dem Zeitpunkt schon seit den 1790er Jahren eine private Forstlehranstalt in Zillbach/Rhön, die mit ihm nach Tharandt kam, das als Zentrale für seine Tätigkeit in Sachsen diente.. Diese wurde aus finanziellen Gründen 1816 in die öffentliche Hand überführt und nannte sich ab dann „Königlich-Sächsische Forstakademie".

Seit 1830 wurden auch Landwirte in Tharandt ausgebildet. Bis 1848 fand der Lehrbetrieb in den Wohnungen der Professoren statt. Das änderte sich 1849 mit der Fertigstellung des „Altbaus“. 1849 begann man mit der Rauchschadensforschung in Tharandt unter dem Eindruck der Schäden im Freiberger Revier. 1860 nahm das forstliche Versuchswesen, und ab 1869 die Saatgutkontrolle, als erste Stelle ihrer Art in Deutschland, den Betrieb auf. 1870 wurde die Ausbildung der Landwirte an die Universität Leipzig verlegt, wobei die Mitverlegung der forstlichen Ausbildung durch den damaligen Akademiedirektor Judeich verhindert werden konnte.

Silvania Tharandt

Die erste Verbindung scheint es schon in den 1820er Jahren gegeben zu haben, denn der SC zu Leipzig lehnte am 23.07.1821 die Anerkennung einer Saxonia (I) als Verbindung ab. Danach bestand Mitte der 1840er Jahre in Tharandt das Corps Silvania (I) mit den Farben grün-rot-weiß und dunkelgrüner Mütze. Von diesem Rot stammt die rote Unterlage des Bandes im jetzigen Silvanen-Wappen ab. Kurz darauf entstand das Corps Guestphalia mit den Farben grün-weiß-schwarz und hellgrünen Mützen. Im WS 1848/49 schlossen Silvania und Franconia Freiberg (gestiftet 1838) ein sehr enges Kartellverhältnis, das sich so weit erstreckte, daß man sich gegenseitig die Bänder dedizierte. Die beiden Tharandter Corps und Franconia Freiberg unterhielten ein äußerst reges Paukverhältnis. Die Mensuren fanden im Tharandter Wald oder auf dem Frankenpaukboden statt. Nach kurzer Dauer erlitt der freundschaftliche Verkehr einen schweren Schlag durch das Lösen der Kartellbeziehungen zwischen den Silvanen und Franken. Ein Grund dazu ist nicht bekannt, jedenfalls haben am 10.02,1850 beide Verbindungen vier PP-Suiten und eine Sekundanten-Contrahage ausgefochten. Bald darauf sind beide Tharandter Corps eingegangen, sicher mit veranlaßt durch scharfe Disziplinargesetze der Akademie.

Erst im Jahre 1859, am 19. Mai konnten Studierende, die sich zum Corpsprinzip bekannten, wieder einen Bund schließen und eine Silvania auftun, nun mit den neuen Farben grün-weißgold und weißer Mütze. Ihre Angehörigen gaben von Anfang an unbedingte Satisfaktion und fochten Bestimmungsmensuren mit dem Freiberger und dem Dresdner SC, außerdem mit der seit 1864 bestehenden akademischen Gesellschaft „Club im Deutschen Haus". Diese neue Silvania fand 1861 wieder Anschluß an die Freiberger Franken und knüpfte 1863 freundschaftliche Beziehungen auch mit dem Leipziger Corps Saxonia an. Nachdem die Silvania von der Akademieleitung endlich im Jahre 1867 die Genehmigung erhalten hatte, auch äußerlich als Corps aufzutreten, nahm sie am 19. Juni 1867 die Corpsconstitution an und paukte sich kurz darauf, am 20. Juli 1867, in Leipzig auf Waffen der Saxonia gegen Misnia mit vier Partien zum Corps heraus.

Die Nachkriegszeit

Die AH der Silvania im Westen Deutschlands

Durch die unsinnige Aufteilung in Besatzungszonen und mit Errichtung der Mauer mitten durch Deutschland waren die Bande zwischen den wenigen Corpsbrüdern jahrzehntelang zerschnitten. Anfang der fünfziger Jahre rudelten sich die im Westen versprengten Corpsbrüder langsam wieder zusammen. 1953 wurde zwischen der Altherrenschaft der Arminia und den wenigen im Westen lebenden Corpsbrüdern freundschaftliche Beziehungen aufgenommen. Die Verhandlungen, die Cbr. Heber auf Seiten Silvanias und Herr Graßmann seitens Arminias führten, zeigten völlige Übereinstimmung über den Weg, der zu diesem von beiden Seiten gewünschten Ziel führen sollte. Am 19. Juli 1958 wurde 26 Alten Herren das Band der Arminia verliehen. Vier Silvanen fühlten sich besonders eng den Freiberger Franken, die nach dem Krieg in Aachen rekonstituiert hatten, verbunden und tragen jetzt deren Band. Das Corps Hercynia schloß 1956 einen Fusionsvertrag mit dem Forstcorps Hubertia München.

Die Rekonstitution als Kösener Corps

Inzwischen waren die Bestrebungen, in die Fußstapfen der alten Silvania treten zu wollen, bedingt durch Dr. Heber, in eine Sackgasse geraten. Die Traditionsübernahme wäre nur möglich, wenn man die "Forstakademische Jagd-Corporation Silvania" als solche auflöste und sich auf Corpsfarben herauspaukte. Die Meinungen dazu, besonders die Mensur betreffend, waren gespalten. Die Verbindung stand am Scheideweg. Nur 5 Aktive waren bereit, die Idee des Corps mitzutragen. Im Sommer 1990 kam es zum Bruch. Jene 5 Aktiven waren bereit, das Wagnis einzugehen, um in Tharandt das älteste ortsansässige Corps, unsere geliebte Silvania, zu rekonstituieren. Zu diesem Zweck wurden durch Dr. Heber die notwendigen Schritte beim KSCV eingeleitet, die damals noch lebenden 10 Silvanen, von denen keiner weniger als 80 Jahre zählte, zu sammeln und die Rekonstitution vorzubereiten.

Am 2.Oktober 1990 schlug ein reaktivierter AH der "jüngeren" Silvania, Thielsch, die Rekonstitutionspartie auf Glocke mit einem Vertreter des Corps Marchia in Berlin und wurde Senior. Silvania ist somit das erste (und einzige) Kösener Corps, welches noch zu DDR-Zeiten in östlichen Deutschland rekonstituiert hatte. Die Chargen waren zu diesem Zeitpunkt mit achtzigjährigen "Aktiven" besetzt. Am 1.Dezember 1990 wurden weitere 3 Partien in Tharandt mit Arminia München (auch auf Glocke) geschlagen und die verbleibenden Chargen mit jüngeren Aktiven besetzt.

Eine entscheidende Hilfe auf diesem oben beschriebenen Weg waren die Corps Arminia (München) und Lusatia Leipzig (damals noch in Berlin). Zu den Lausitzern hatte man im Frühjahr 1990 auf dem "Mitteldeutschen Fechtertag" Kontakt gefunden. Als diese hörten, daß man sich mit dem Gedanken trug, wieder Corps zu werden, versprachen die damals anwesenden Herren Richter II, fr. des Erz, und Weiß I, dabei zu helfen. Daß dieses keine leeren Worte waren, zeigte das folgende halbe Jahr. Die gewährte Gastfreundschaft, der Fechtunterricht, das entgegengebrachte Verständnis und die organisatorische Hilfe sind Dinge, die dankbar als Beispiele echten Corpsgeistes im Gedächtnis vieler Silvanen bleiben werden. Das Corps Arminia, das nach dem Krieg die Tradition und einige AH der Silvania übernommen hatte, unterstützte auf eine andere, nicht minder effiziente Weise. So wohnten bis zu 4 Arminianer in Tharandt, welche die Aktiven mit den nötigen Kenntnissen zur Unterhaltung eines regelmäßigen Corpsbetriebes versahen.

Bis Frühjahr 1991 lebten die CB im Studentenwohnheim. In einer der dortigen Studentenbuden traf man sich, hielt die CC ab und bewahrte das Paukzeug auf. Nebenbei wohnten auch noch 4 Studenten in diesem Raum. Das einzige an ein Corps erinnernde Utensil war ein an der Wand angebrachter Korbschläger. So war der Rahmen doch äußerst bescheiden, in dem die 5 ersten Füchse und späteren CB ihre Bänder aus den Händen des verehrten AH Jahn erhielten. Wichtig war jedoch die Begeisterung, mit der ein jeder daranging, das Corps aufzubauen, welches lebensfähig sein sollte, und in der Tradition der alten Silvania stand. Ein bedeutender Schritt in die Richtung eines eigenen Corpsheims war die Kontaktaufnahme mit der Stadt Tharandt, aus der sich später eine nützliche Zusammenarbeit entwickelte. Dies führte u.a. dazu, daß das Corps trotz bestehender Wohnungsknappheit eine Etage in der Dresdner Straße beziehen konnte. Diese Etage war, was die Ausstattung und die Größe der Räumlichkeiten betrifft, weitab vom westlichen Standard, hier aber der entscheidende Schritt gewesen, den Begriff des Corps als Gemeinschaft im besten Sinne des Lebens zu erfüllen. Eine andere Seite der gepflegten Kontakte zur Universitätsstadt bestand darin, daß die Kneipen seit dem Herbst 1992 wieder im ehemaligen (und damals hoffentlich auch bald dem baldigen) Silvanenhaus gefeiert werden konnten und der Paukkeller wieder zur Verfügung steht. So sind, sieht man einmal von der finanziellen Situation ab, die Grundlagen gelegt, um ein Blühen, Wachsen und Gedeihen der Silvania zu gewährleisten. Die Zahl der Aktiven (SS 93: 13) zeigt, daß das Corps Silvania in Tharandt seinen alten Platz wieder eingenommen hat, auf daß "...der Schläger Klang, der Gläser Klang, der Klang der Lieder...", die weißen Mützen und die grün-weiß-goldenen Bänder erneut das Bild der Forststadt und der Fakultät prägen mögen.

Silvania von 1990 bis heute